Schutz der Farbmarke „Nivea-Blau“ weiter offen – BGH, Beschluss vom 9. Juli 2015 – I ZB 65/13

Mit seinem Beschluss vom 9. Juli 2015, Az. I ZB 65/13 hatte BGH über die Frage, ob ein markanter Farbton auch ein Produktkennzeichen sein kann, zu entscheiden. Er hob den Beschluss des Bundespatentgerichts vom 19. März 2013 auf, wonach die abstrakte Farbmarke Nr. 305 71 072 „Blau“ („Pantone 280 C“) aus dem deutschen Markenregister zu löschen war, und wies die Sache zur Entscheidung an das Bundespatentgericht zurück.

Die Nivea-Herstellerin Beiersdorf hatte 2007 den Farbton „Pantone 280 C“ für Haut- und Körperpflegeprodukte markenrechtlich schützen lassen. Dagegen war der Konkurrent Unilever vorgegangen und argumentierte, dass dieser spezielle Farbton für alle Wettbewerber freigehalten werden müsse. Vor Gericht bekam Unilever damals Recht, das Bundespatentgericht bestätigte 2013 die Löschung der Marke mit der Begründung, es fehle „bereits an einer markenmäßigen Benutzung der Farbe Blau durch die Markeninhaberin“. Der selbständige Markencharakter trete „nicht erkennbar hervor“. Die blaue Farbe diene „nur als dekorativer Hintergrund einer bekannten Wortmarke sowie als Sachhinweis.“ (Az. I ZB 65/13). Hiergegen war die Rechtsbeschwerde von Beiersdorf erfolgreich.

Der BGH fĂĽhrt aus, dass das Vorgericht zwar im Ergebnis zutreffend angenommen habe, dass „das angegriffene Zeichen von Haus aus nicht ĂĽber das fĂĽr eine Eintragung erforderliche MindestmaĂź an Unterscheidungskraft verfĂĽgt“. Unterscheidungskraft i.S.v. § 8 II Nr. 1 MarkenG ist die einer Marke innewohnende (konkrete) Eignung, vom Verkehr als Unterscheidungsmittel aufgefasst zu werden, das die in Rede stehenden Waren oder Dienstleistungen als von einem bestimmten Unternehmen stammend kennzeichnet und die Waren oder Dienstleistungen damit von denjenigen anderer Unternehmen unterscheidet (vgl. EuGH, Urteil vom 21. Januar 2010 – C-398/08). Bei der Beurteilung der Unterscheidungskraft ist grundsätzlich ein groĂźzĂĽgiger MaĂźstab anzulegen, so dass jede auch noch so geringe Unterscheidungskraft genĂĽgt, um das Schutzhindernis zu ĂĽberwinden (BGH, Beschluss vom 4. Dezember 2008 – I ZB 48/08). MaĂźgeblich sind immer die vom Produkt angesprochenen Verkehrskreise. Bei Farbmarken sei kein strengerer MaĂźstab anzuwenden, als bei anderen Marken, so der BGH. Da bei abstrakten Farbmarken die Unterscheidungskraft fehlen kann, sei bei solchen Marken deshalb regelmäßig zu prĂĽfen, ob besondere Umstände vorliegen, die gleichwohl die Annahme rechtfertigen, die angemeldete Marke sei unterscheidungskräftig (vgl. EuGH, GRUR 2003, 604). Das Bundespatentgericht stellte drei Kriterien auf, welche kumulativ vorliegen mĂĽssten, um eine Unterscheidungskraft annehmen zu können.

Auch war das Bundespatentgericht der Auffassung, dass ein Schutzhindernis nach § 8 II Nr. 2 MarkenG vorgelegen hätte. Der Farbton würde in ähnlicher Schattierung auch von anderen Herstellern aus dem Warengebiet der Haut- und Körperpflegeprodukte genutzt.

Der Rechtsbeschwerde zugrunde gelegt war auch die Anwendung von § 8 III MarkenG, wonach Zeichen, auch wenn sie grundsätzlich nicht monopolisierbar seien sollten, vom Verkehr als Kennzeichen fĂĽr die Waren oder Dienstleistungen, fĂĽr die das fragliche Zeichen angemeldet worden ist, doch als eingetragene Marke in Betracht kommen können, wenn sich das Zeichen bei den beteiligten inländischen Verkehrskreisen als Kennzeichen durchgesetzt hat. Das Bundespatentgericht ging davon aus, dass ein Zuordnungsgrad der Farbmarke mit dem Unternehmen von mindestens 75% erforderlich sei – ein von der BeschwerdefĂĽhrerin vorgelegtes Gutachten von 2006 ergab einen Zuordnungsgrad von 54,85%. Der BGH ist der Auffassung, dass das Bundespatentgericht zu hohe Anforderungen an die Verkehrsdurchsetzung einer abstrakten Farbmarke kraft Benutzung gestellt hat. Denn ergibt eine Verkehrsbefragung einen Durchsetzungsgrad von mehr als 50 %, so kann auf eine markenmäßige Verwendung der konturlosen Farbe durch den Markeninhaber geschlossen werden (FortfĂĽhrung von BGH, Beschluss vom 9. Juli 2009 – I ZB 88/07, GRUR 2010, 138).

Das Bundespatentgericht habe zugunsten der Markeninhaberin nur unterstellt, dass sich aus dem Verkehrsgutachten der Beschwerdeführerin aus 2006 ein Zuordnungsgrad von 57,95% ergibt. Feststellungen hierzu seien nicht erfolgt. Nun muss das Bundespatentgericht begutachten lassen, wie hoch der Prozentsatz der Verbraucher ist, der den typischen blauen Farbton automatisch als „Produktkennzeichen“ der Firma Beiersdorf sieht. Dabei dürfe jedoch kein weißer Farbton (als Umrandung der Farbkarte o.ä.) das Ergebnis des Gutachtens beeinflussen.

Für die abschließende Frage, welche Anforderungen an die Erlangung von Unterscheidungskraft durch Benutzung bei abstrakten Farbmarken zu stellen sind, ist die Entscheidung „Sparkassen-Rot“ des Gerichtshofs der Europäischen Union heranzuziehen (vgl. EuGH, GRUR 2014, 776).

Die Entscheidung ist hier nachzulesen. Die Pressemitteilung des BGH finden Sie hier.

Ăśber Stephan Mix LL.M.

Rechtsanwalt fuer Unternehmer und Unternehmen mit dem Schwerpunkt Werbung, Design, Marke; Gesellschaft und Gesellschchafter; Arbeit; Vertrag und Durchsetzung